„Nutzlos und schön“

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Zwischen experimenteller Filmkunst, gesellschaftlicher Reflexion und einer gehörigen Portion spielerischer Grenzüberschreitung hat sich die DIAMETRALE in Innsbruck als eigenwillige Stimme in der Festivallandschaft etabliert. Was hier auf die Leinwand kommt, entzieht sich oft bewusst klassischen Erzählmustern und wirtschaftlichen Verwertungslogiken – und genau darin liegt ihre Stärke.

Im Gespräch mit KUSO spricht Marco Trenkwalder, Kurator und Organisator des Festivals, über radikale Ideen, analoge Verrücktheiten, künstliche Intelligenz im Kino und die Frage, warum „nutzlose“ Kunst heute vielleicht wichtiger ist denn je.

Marco: Die DIAMETRALE lässt sich vielleicht am ehesten als Trickster Figur beschreiben. Mit dem Festival wollen wir nämlich auch gewohnte Ordnungen ins Wanken bringen, filmische Konventionen spielerisch aufbrechen, die Seh- und Hörgewohnheiten der Besucher:innen herausfordern, Alltagslogiken außer Kraft gesetzt.

Marco: Ich erinnere mich an den Sommer 2021, als wir es gemeinsam mit dem Filmkurator Olaf Möller und dem finnischen Filmarchiv KAVI geschafft haben, erstmals einen Film von Visa Mäkkinen (*1945) außerhalb seines Heimatlandes Finnland zu zeigen. In dem Fall war es der Film Ville-Kalle, der freie Lohnsklave (1984), der 17.07.2021 – also 37 Jahre nach seinem Erscheinen – im Innsbrucker Leokino seine internationale Premiere feierte. Der Film wurde von einer analogen 35mm-Kopie projiziert und live untertitelt, dh. die Untertitel wurden von einer Person im Sekundentakt über 90 Minuten manuell weitergeschaltet. – Festivals sind eben auch dazu da, um solchen Verrücktheiten Raum zu geben.

Generell machen wir das Festival aber, um Orte der Begegnung zu schaffen, Diskussionsräume zu öffnen, Filmemacher:innen eine Bühne zu geben und Kino als sozialen Ort zu feiern.

© Photos by Dino Bossnini db

Marco: Der Hyperkapitalismus verlangt Effizienz, Verwertbarkeit und messbaren Output. Hier bekommt „Nutzloses“ sicher eine politische Komponente: Nutzloses entzieht sich gewissermaßen den Logiken eines kapitalisierten, leistungsorientierten Systems. Es lässt sich nicht so einfach funktionalisieren oder in ökonomischen Nutzen übersetzen.

Ob es tatsächlich das Politischste ist, was ein Filmfestival heute tun kann, würde ich nicht gerade unterschreiben. Filmfestivals haben ja per se eine politische Strahlkraft. Sie schaffen öffentliche Räume, in denen gesellschaftliche Entwicklungen verhandelt werden können. Auf Festivals treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander, diese werden sichtbar gemacht und zur Diskussion gestellt. Man könnte auch sagen: Filmfestivals fördern demokratische Prozesse. Die Teilnahme ist sehr niederschwellig (die meisten Filme werden mit englischen Untertiteln gezeigt). Festivals laden das Publikum ein, sich einzubringen, Position zu beziehen und sich aktiv mit den gezeigten Inhalten auseinanderzusetzen.

Marco: Erfahrungsgemäß würde ich sagen, dass ein gutes Netzwerk der Schlüssel für nachhaltigen Erfolg ist. Talent, Durchhaltevermögen und/oder eine radikale Eigenwilligkeit sind zwar wichtige Voraussetzungen, aber diese helfen nur bedingt weiter, wenn am Ende die Leute für die konkrete Umsetzung fehlen. Filmarbeit ist Teamarbeit. Als Einzelkämpfer:in gelangt man rasch an die Grenzen des Möglichen. Umso wichtiger sind Strukturen, die Austausch und Zusammenarbeit fördern. Hier kommen Angebote wie bspw. der Film Campus ins Spiel.

Darüber hinaus braucht es natürlich auch eine finanzielle Grundlage: Eine funktionierende Filmförderung auf Landes- und Bundesebene ist unerlässlich, um Filmeprojekte professionell und zu fairen Bedingungen umzusetzen.

Der Film Campus der DIAMETRALE

Der Film Campus der DIAMETRALE ist ein mehrtägiges internationales Nachwuchsprogramm im Rahmen des Festivals, das jungen Filmemacher:innen und Künstler:innen aus den Bereichen Film, Medienkunst und Performance einen Raum für Austausch, Experiment und Weiterentwicklung bietet. In Workshops, Gesprächen und Mentoring-Sessions arbeiten die Teilnehmenden an eigenen Ideen und erhalten Feedback von Expert:innen. Der Fokus liegt dabei weniger auf fertigen Ergebnissen als auf künstlerischen Prozessen und neuen Perspektiven. Der Campus findet parallel zum Festival statt und ermöglicht so auch Zugang zu Screenings und Networking.

Marco: In den letzten Jahren, insbesondere von 2021 bis 2024, haben uns einige Einreichungen erreicht, die sich mit den gesellschaftspolitischen, aber auch persönlichen Folgen der COVID-19-Pandemie auseinandergesetzt haben. Tendenziell werden diese Pandemiereflexionen aber wieder weniger.  Gleichzeitig beobachten wir, dass der Einsatz von KI-gestützter Videogenerierung langsam zunimmt. Noch handelt es sich dabei um einen vergleichsweise kleinen Anteil.

Generell ist die Bandbreite der eingereichten Filme so groß, dass sich da nur schwer klare Entwicklungslinien festmachen lassen. Experimentelles Kino lebt ja gerade von dieser Vielfalt. Gespannt bin ich jedenfalls, wie sich der immersive Bereich „Extended Reality (XR)“ weiterentwickelt und welchen Einfluss KI künftig auf ästhetische und narrative Prozesse haben wird.

Marco: Filme sind oft auch schon ohne KI sehr austauschbar 😉 . Insofern würde ich die Debatte nicht nur an der Technologie festmachen. Ich selbst bin weder überzeugter Befürworter noch grundsätzlicher Gegner von der KI-Nutzung im Filmbereich. Sinnvoll eingesetzt kann KI durchaus entlasten, z.B. bei repetitiven Arbeiten in der Postproduktion.

Was wir bisher bei den Einreichungen beobachten konnten, ist recht ambivalent: Filme, die ausschließlich mit KI hergestellt wurden, sind oft visuell beeindruckend, und strotzen nur so vor absurden Einfällen. Gleichzeitig fehlt es ihnen aber oft auch an erzählerischer Tiefe. Was hilft also das technisches Know-how, wenn man keinen Schimmer von Storytelling hat? Und genau daran scheitern viele dieser Arbeiten derzeit. Uns konnten also bislang nur sehr wenige rein KI-generierte Filme überzeugen. KI ist nur ein Faktor unter vielen. Ob eine Szene oder ein ganzer Film mit KI hergestellt wurde, ist letztlich nicht so wichtig – entscheidend ist, was erzählt wird und wie. Für die DIAMETRALE wird es vor allem spannend sein zu beobachten, wie reflektiert Filmschaffende mit KI umgehen. In unserem Kurzfilmprogramm „AI x Games“ haben wir jedenfalls schon sehr gute Filme zeigen können.

Marco: Udo Kier ist ja leider letztes Jahr verstorben. Aus diesem Grund haben wir Voxi Bärenklau und Roberta Hofer eingeladen, um über Udo Kier zu reden. Voxi hatte als Kameramann von Christoph Schlingensief sehr viel mit Udo Kier zusammengearbeitet, und Roberta Hofer ist gerade dabei, ein Buch über Udo Kier rauszubringen, das die ganzen Filmtode von Udo Kier sammelt. Das Gespräch war sehr berrührend und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Zudem hab ich mich sehr über die erste Schulvorstellung im Rahmen des DIAMETRALE Filmfestivals gefreut. Wir haben dort Schüler:innen im Alter zwischen 15 bis 17 Jahren LESBIAN SPACE PRINCESS gezeigt. Ein schöner Film, um im Unterricht über Geschechterrollen, Queerness, Mansplaining, Toxic Relationships zu diskutieren. Schulvorstellungen sind auf jeden Fall etwas, das wir in Zukunft weiter ausbauen möchten. Ansonsten gibt’s für 2027 zum Glück noch keine Ideen, dh. alles ist möglich 🙂

© Photos by Dino Bossnini db

Marco: Da gibt’s leider sehr viele Sachen, z.B.

  • Vermögensverteilung, dass die Reichsten 10% rund 90 % des Weltvermögens besitzen;
  • Dass nur 5 % der Männer Kinderbetreuungsgeld in Anspruch nehmen;
  • Staatliche Sparmaßnahmen;
  • Prekariat in der Kunst und Kultur

Über

Die DIAMETRALE ist ein Filmfestival, das jedes Jahr in Innsbruck statt findet. Dieses Jahr feierte es sein 10-jähriges Jubiläum.

Weitere Infos findest du hier:

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