
Stateless ist kein Film, der schreit. Er sitzt dir gegenüber, sagt wenig und wirkt dadurch noch stärker.
Mohammad Abou Chucker erzählt keine große Heldengeschichte, kein Elendskino, keine glattgebügelte Betroffenheitsübung.
Stattdessen: Abo Rami.
Ein älterer palästinensischer Mann in Schweden, der auf seine schwedische Staatsbürgerschaft wartet, der einfach nach Palästina reisen will. Einfach in seine Heimat fahren, ohne dass Papiere, Grenzen, Staaten und deren diskriminierenden Verwaltungen dazwischenstehen.
Klingt banal. Ist es nicht.
Stateless zeigt, wie absurd politische Gewalt aussieht, wenn sie alt wird. Nicht Bomben. Nicht Schlagzeilen. Formulare. Wartenummern. Stempel. Jahre, die vergehen, weil irgendein Amt entscheidet, dass dein Leben gerade nicht dran ist. Dein Herkunftsland eben nicht deine Heimat ist.
Das Starke an dem Film ist seine Ruhe. Er drückt nicht auf Tränendrüsen, sondern auf Zeit.
Man merkt, wie lang fünf Jahre sein können, wenn man auf etwas wartet, das für andere selbstverständlich ist: Bewegungsfreiheit. Identität. Das Recht, irgendwo anzukommen.
Abo Rami wird dabei nie zur Symbolfigur degradiert. Er bleibt Mensch – mit Witz, Müdigkeit, Stolz und dieser speziellen Form von Hoffnung, die nur Leute besitzen, denen Hoffnung ständig verweigert wird.
Formal bleibt der Film nüchtern, fast trocken. Stattdessen vertraut Abou Chucker auf Gesichter, Pausen, Räume. Auf das, was nicht gesagt wird.
Wenn man etwas kritisieren will: Der Film verlangt Geduld. Wer Storybeats, Wendepunkte oder Netflix-Dramaturgie braucht, wird nervös werden. Aber das ist fast schon ein Kompliment. Staatenlosigkeit ist eben keine Drei-Akt-Struktur. Sie ist zäher. Vermeintlich Langweiliger. Grausamer.
Stateless ist ein leiser Film über ein lautes Unrecht, nicht in sein Herkunftsland, seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Keine Pose, keine Sentimentalität, keine billige Moral. Nur die präzise Erinnerung daran, dass Grenzen oft dort am brutalsten sind, wo sie in Bürokratie ausarten.
Mohammad Abou Chucker is a Palestinian-Syrian photographer and filmmaker working at the intersection of migration, identity, home and art based practices. Drawing on his own experience of displacement, his work centres storytelling with and about refugee and marginalized communities through visual media, participatory methods, and human rights informed approaches.
http://www.rainbowtime.org & FAIHS film club



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