„Eigentlich wollte ich ein Fahrrad“

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Georg Fraberger ist klinischer Psychologe, Autor, Vortragender und Fotograf. Im KUSO-Interview spricht er über sein neues Buch „Eigentlich wollte ich ein Fahrrad“, was Kunst und Fotografie für ihn bedeuten und weshalb Kunst auf Rezept so wirksam ist.

Dein neues Buch „Eigentlich wollte ich ein Fahrrad“ erscheint am 16. April. Wie kam es zur Idee zu deinem neuen Buch?

Georg: Ich bin durch einen Umzug neulich auf meine alten Fotos gestoßen. Als Kind habe ich mir immer ein Fahrrad – eigentlich sogar ein Skateboard – gewünscht. Anstatt eines Fahrrads habe ich dann aber einen Fotoapparat bekommen. Es gibt zahlreiche Fotos, auf denen meine Brüder mit ihren Fahrrädern herumfahren, wo meine Brüder laufen, wo meine Brüder dann die Fahrräder wo draufstellen. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater immer gesagt hat: „Geh mit, geh mit!“. Der Fotoapparat war mein Weg zur Integration. Ich habe damit gewissermaßen Regie geführt.

Wir haben im Badezimmer bei uns eine rote Lampe installiert. Gemeinsam haben wir, meine Brüder und ich, dann dort die Fotos mit entwickelt. Es sind viele Bilder schief, es sind viele Bilder von unten nach oben und es sind viele Bilder so, dass ich eigentlich lange Zeit jetzt, was Fotos betrifft, mehr als an mir gezweifelt habe. Ich habe mich erst gefragt, ob ich ein Fotobuch machen soll, aber dann gemerkt, dass ich mehr der Wort-Mensch bin.

Wie genau sieht das Buch aus? Um was geht es in deinem neuen Buch?

Georg: Und jetzt ist das Buch auf der einen Seite die Geschichte zu den Bildern und auf der anderen Seite die Geschichte zum Fahrrad. Es geht um den Umgang mit Wünschen und was es eigentlich heißt, einen Wunsch zu verstehen. Manchmal geht ein Wunsch auf eine Art in Erfüllung, die man erst später begreift.

Gerhard: Welche war deine erste Kamera?

Georg: Also meine allererste Kamera war eine Kodak zum Aufziehen. Die konnte ich mit dem Fuß halten und auseinanderziehen. Die war mies. Sie hatte eine Festbrennweite von etwa 28 mm und man konnte sonst nichts weiter einstellen. Aber danach kam eine Canon, die hat ein Zoom-Objektiv gehabt, ich bilde mir ein 28 bis 60 oder bis 70 mm. Die war super und das war meine eigentliche Integration.

Georg Fraberger (c) georgfraberger

Hannah: Welche waren deine ersten Motive?

Georg: Mein Vater hat in Berlin gelebt. Und so kam es, dass meine ersten Fotografien Dokumente der Zeitgeschichte wurden. Da war der Fall der Berliner Mauer, den habe ich zum Beispiel mit dokumentiert, oder das Jahr danach dann den Osten in der DDR oder Prag, weil da sind wir durchgefahren.

Hannah: Steht das Fahrrad in deinem Buch für einen unerfüllten Wunsch?

Georg: Was ich durch das Fotografieren gelernt habe ist: Wenn ich das Foto mache, dann sehe ich, wenn mein Bruder da herunterrast oder auf dem Skateboard steht, wie toll das sein muss. Dadurch ist es mir gelungen, alles mitzuerleben. Ich habe Fotos von Menschen, die tanzen. Dadurch ist es mir möglich gewesen, danebenzustehen und mich mitzufreuen. Der Fotoapparat war das Werkzeug, das den Schmerz genommen hat, dass ich das nicht selbst kann.

Man kann auch, wenn man etwas nicht kann, trotzdem miterleben und seinen Wunsch erfüllen. Eigentlich habe ich mit dem Fotoapparat das richtige Geschenk bekommen.
– Georg Fraberger

Hannah: Wie kann man im sozialen Wettkampf verloren gehen und wie ist es möglich, über seinen eigenen Schatten zu springen?

Georg: Wer kann höher springen, wer kann weiterfahren, wer kann das, wer kann das – es sind immer diese Vergleiche. Das ist dieser soziale Wettkampf, in den man, ohne zu denken, hineinkommt. Es ist wichtig, seinen Platz zu sehen und zu sagen: „Ich bin ich und das ist gut so“. Ich muss mich nicht andauernd vergleichen. Über den Schatten springen heißt auch, zu vertrauen, dass man das Richtige bekommt, auch wenn man es im ersten Moment gar nicht wollte.

Ausstellung

Die nächste Ausstellung findet von 15. April – 29. April 2026 in der Galerie der Moderne in Berlin statt. Hier findest du weitere Infos dazu: https://www.galerie-der-moderne-berlin.de/ausstellungen/

Hindenburgdamm 57C,
12203 Berlin-Lichterfelde
(030) 781 30 88

Dienstag – Donnerstag, Freitag – Samstag
14 – 19 uhr, 10 – 14 uhr

Gerhard: Wie definierst du Glück und Sinn?

Georg: Ich habe eine mathematische Formel für das Glück, nämlich: Das ist Empathie (also Mitgefühl gegenüber anderen) mal dem Mut, sich zu zeigen. Warum ich dieses „Mal“ habe: Als Psychologe denkt man oft in einer Summe, aber ich glaube, es ist vielmehr eine Multiplikation, denn alles mal Null ist Null. Sinnvoll ist für mich zudem, dass ich der sein kann, der ich bin. Wenn man sich in dem, was man tut, selbst erkennt, dann ist das sinnvoll.

Hannah: Magst du den Leser:innen verraten, wie das Buch endet?

Georg: Das Buch endet damit, dass man vertrauen soll, dass man das Richtige bekommt und dass man mit dem, was man bekommt, lernen muss umzugehen. Man muss schon darauf vertrauen, dass man das bekommt, was man auch aushält. Und man muss es so aushalten, dass es einem gut geht. Dann ist es möglich, sich ein erfülltes Leben zu schaffen.

Gerhard: Auf Facebook und Instagram machst du „Gedankenreisen“. In einer Folge geht es um Veränderung. Oft fühlt man sich hilflos und hat das Gefühl, nichts verändern zu können, vor allem in Zeiten wie diesen. Was würdest du den Menschen raten, die gerade nicht weiterwissen oder sich gerade nicht irgendwie verändern können?

Georg: Für mich gibt es eigentlich nur eine einzige Pflicht, die jeder von uns hat, wenn man aufwacht, und die heißt: „Mach dir einen schönen Tag“. Und das muss ich machen. Das heißt, die einzige Pflicht, die man für sich hat, ist, dass ich sage: Ich mache mir einen schönen Tag. Das muss ich mit all den Dramen, die sich abspielen, mit all den Versuchen, die schiefgehen, oder mit all den Dingen, die dann doch gut sind, vereinbaren. Denn jeder von uns muss das Leben ja irgendwie aushalten.

Urban (c) georgfraberger

Hannah: Was bedeuten dir Kunst und Fotografie persönlich?

Georg: Für mich zeigt die Kunst etwas Geistiges, was hinter den Dingen steht. Es wird so oft übersehen, diese kleinen Dinge, hinter denen eine enorme Kraft steht. Hinter einer Meinung, die man hat, steckt eigentlich eine irrsinnige Kraft. Man sieht ein Bild und man spürt diese Kraft. Und diese Anstrengung oder das, was hinter den Dingen steht – wie etwa der Höhenunterschied auf einer Landkarte, den man erst beim Wandern spürt – die wird nur durch Kunst sichtbar.

Urban (c) georgfraberger

Gerhard: In einer Studie unter Leitung der Uni Wien wurde der positive Einfluss von Kunst auf das Wohlbefinden der Psyche festgestellt. In vielen Ländern ist Kunst auf Rezept derzeit ein gängiges Rezept. Was hältst du davon und wieso wirkt Kunst auf Rezept so gut – oder vielleicht auch nicht gut?

Georg: Wenn es einem schlecht geht und man hört Beethoven, dann weiß man: Oh, so ist es ihm auch gegangen. Und wenn man sich leicht fühlt und man hört „Die Forelle“ von Schubert, etwas am Klavier dahinplätschern, weiß ich, wie sich dieser Fisch fühlt. Ich schwimme dahin. Dadurch, dass man verstanden wird, fühlt man sich bestätigt. Diese Bestätigung gibt einem den Mut, weiterzumachen, wenn man weiß: Ich bin auf dem Weg, es ist zwar was auszuhalten, aber aus irgendeinem Grund muss ich das machen. Wenn man ein Kunstwerk anschaut, dann gibt einem das die Kraft, das auszuhalten und dann weiterzumachen. Kunst gibt enorm viel.

Art (c) georgfraberger

Gerhard: Welche Kunst gefällt dir nicht?

Georg: Das ist das, was ich Kitsch nennen würde, weil ich sagen muss, das tut weh, weil es halt wirklich nur momentan sehr oberflächlich wirkt. Es ist wie die Pornografie der Kunst, aber nicht das, was man Liebe nennen würde. Wenn Kunst nicht den tieferen Sinn von etwas erfasst, dann spricht sie mich nicht an.

Hannah: Als du im AKH gearbeitet hast, hast du erzählt, dass du öfter mit Deinen Patient:innen gemeinsam Bilder angeschaut hast.

Georg: Es waren viele Patient:innen dabei, die zu mir gekommen sind und die manchmal gesagt haben: „Gehen wir Bilder anschauen“. Ich war 20 Jahre lang im AKH tätig. Das AKH hat ein tolles Konzept, was Kunst betrifft. Es herrscht die Philosophie, dass keine Wand weiß bleibt. Es hängen dort großartige Kunstwerke in jedem Zimmer, in jedem Raum.

Art (c) georgfraberger

Also nicht nur klassische Drucke, sondern auch Malerei, Fotografie, Riesenfotografie von einem Baum, vom Wald, von einem Meer. Interessanterweise habe ich auch von einem Lehrer von mir, dem Peter Dressler, gleich drei Fotografien im AKH entdeckt. Im AKH weiß man vielleicht oft nicht, welcher Wochentag ist, weil es stets die gleiche Temperatur hat und immer zur selben Zeit das Licht angeht. Wenn die Stimmung schlecht ist, wenn man zum Beispiel Angst hat, braucht man aber irgend etwas, um aus diesem Gedankenkreislauf aussteigen zu können. Man muss sich Themen suchen, über die man reden kann. Und wenn man dann auf dieser Suche nach Themen ist, ist es gut, sich Input zu holen, der von außen kommt.

Gerhard: KUSO heißt einerseits kunstsozial, aber auf Japanisch bedeutet es eben Scheiße. Und wir wollten damit starke Emotionen zum Ausdruck bringen. Was findest du #echtkuso?

#Echtkuso finde ich, wenn Menschen die Bedeutung von Gefühlen missverstehen. Aus biologischer Sicht haben nämlich Aggression oder Wut die Aufgabe, eine Beziehung zu verbessern. Das wird aber nicht verstanden heutzutage. Man glaubt, man muss für Dinge kämpfen. Wut hat die Aufgabe, dass man sagt: „Okay, ich werde nicht verstanden“. Und eigentlich ist es die Aufgabe, Energie zu finden, um sich verständlich zu erklären. Die meisten Menschen nutzen es aber nur, um etwas zu zerstören. Und das ist das, was ich #wirklichkuso finde. Ich bin ein Riesenfreund von Aggression als Triebkraft, aber aggressives Verhalten als Zerstörung ist kuso.

Über

Georg Fraberger ist klinischer Psychologe, Vortragender, Autor und Fotograf. Sein aktuelles Buch erscheint am 16. April 2026 und ist bei Thalia, Morawa, Amazon und im gut sortierten Fachhandel erhältlich.

Weitere Infos über den Autor findest du hier: https://www.georgfraberger.com/

Ausstellungseinladung:

Fotos: (c) Georg Fraberger

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KUSO ist ein Onlinemagazin für Kunst und Soziales. Wir veröffentlichen Beiträge über soziale Themen, marginalisierte Gruppen und über Kunst von und mit Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen.

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