Pride

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Julia Griesauer-Lechner ist Autorin, Onlinemarketing-Managerin und stolze Katzenmama von zwei frechen und verschmusten Katern. Ein Mal pro Monat veröffentlicht sie auf KUSO Auszüge aus ihren Kurzerzählungen – in diesem Monat aus ihrem Text Pride.

“Verdam-” Mein Fluch ging in einem beherzten Hupkonzert unter, das mir einen pfeifenden Tinnitus bescherte. Das Lenkrad stand quer, das Auto querer und irgendwie war die Ampel auf der falschen Seite.
“Mist, das kann doch nicht wahr sein!” Im wilden Gestikulieren war ich mittlerweile Weltmeister, obwohl die anderen Autofahrer mir auch in nichts nachstanden. All unsere Wut richtete sich auf einen kleinen, roten Fiat Punto, der gemächlich aus der Kreuzung rollte, in die er gerade rücksichtslos reingebrettert war, obwohl die Ampel bereits Dunkelgelb gezeigt hatte.
Bei dem Glitzeraufkleber am Heck verdrehte ich bloß schnaubend die Augen ‘Ich bremse auch für Tiere’ – und ich bremse auch für Arschlöcher.
“Bestimmt eine Frau, die sich sonst nur von ihrem Pantoffelhelden-Ehemann kutschieren lässt”, murrte ich ungehalten. Typisch!
Nichts passiert, es war nichts passiert und trotzdem hatte nicht viel auf einen Blechschaden gefehlt. Die anderen Autofahrer schickten sich bereits an weiter zu fahren und innerhalb von Sekunden war das Chaos der Kreuzung vergessen.
Ich aber vergaß nicht so schnell.
Härter als notwendig trat ich den Gang in das Getriebe und folgte dem Punto. Als würde es nicht schon genügen ihm bis auf wenige Zentimeter aufzufahren, erledigte meine aggressive Betätigung der Lichthupe den Rest. Die Person fuhr rechts ran, ich ebenfalls.
Laut knallend schlug ich meine Autotür zu und unterstrich damit meine schlechte Laune.

Pride (c) Julia Griesauer-Lechner

Noch bevor die fahrlässige Person überhaupt die Tür geöffnet hatte, machte ich genau dieser Laune auch Luft, immerhin war das Fenster heruntergelassen.
“Sagen Sie mal, war die richtige Farbe für Sie nicht dabei? Hätten Sie eine Extraeinladung gebraucht oder sollen wir nur für Sie die Ampelphasen verlängern?” Ich schnaubte und verschränkte in einigem Abstand zur Fahrertür die Arme vor der breiten Brust, mein muskulöser Bizeps spannte sich gefährlich an. Ich war ja sowas von bereit, jedem einzelnen rücksichtslosen Autofahrer die Meinung zu geigen.
Die Autotür ging auf und passend zu dem Glitzeraufkleber am Heck, funkelten auch die Fingernägel bunt… auf einer überraschend kräftigen Hand. Oh.

“Einen Moment, Sie können mit ihrer Schimpftirade gleich fortfahren”, ließ mich der überaus männliche Autofahrer wissen. Nun gut, dann war die Person halt ein maskuliner Fahrer, der seinen Führerschein im Lotto gewonnen hatte, mir doch egal.
Was mir aber nicht egal war, war die Schiebetür. Erst jetzt sah ich, dass der kleine Punto etwas umgebaut war und statt Hintertüren, eine Schiebetür besaß. Noch vom Fahrersitz aus öffnete der andere Mann diese und… oh Gott.
Die nächste Minute sah ich zutiefst peinlich berührt, neugierig, unsicher und zugleich fasziniert dabei zu, wie sich der Mann selbstständig aus seinem Auto hievte und seinen überraschend knackigen Hintern in… einen Rollstuhl pflanzte.
Sobald er saß, rollte er auf mich zu und plötzlich fühlte ich mich klein, obwohl ich doch hinunterschauen musste.
Hohe Wangenknochen, karamellfarbene Augen, honigblonde Haare und ein sonnengeküsster Teint vereinten sich zu einem hübschen Gesamtbild mit muskulösem Oberkörper und zierlichen Hüften und Beinen. Er hätte Model sein können.
Gab es überhaupt Rollstuhl-Models, Handicap-Leute, Menschen mit besonderen… oh Shit, wie sagte man das, ohne diskriminierend zu wirken?

Pride (c) Julia Griesauer-Lechner

“Ich äh…” Meine Wut war vollständiger Überraschung gewichen und abwehrend hob ich die Hände. “Ich wusste nicht, dass Sie, äh…” Meine Weltmeisterfähigkeiten im Gestikulieren machten meine Verlegenheit nur schlimmer, als ich auf seinen blitzblauen und sportlichen
Rollstuhl deutete. “Sie… das… ich…”
“Natürlich wussten Sie nicht, dass ich im Rollstuhl sitze, woher auch?”, fragte der andere mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er diese Unterhaltung schon zu oft geführt. “Was also möchten Sie mir sagen, dass Sie am Arsch meines Wagens kleben und versuchen, mich mit
der Lichthupe zu erblinden?”
Für eine Sekunde hatte ich das überwältigende Bedürfnis, eins mit dem Boden zu werden.
“Ich… ach nichts, vergessen Sie es. Schon gut”, stammelte ich mühsam und räusperte mich.
Ich konnte doch nicht… ich meine… er saß im Rollstuhl!

Meine Gedanken musste er mir von der Nasenspitze abgelesen haben und plötzlich war ich im falschen Film. Die Wut, die ich bis eben noch verspürt hatte, schien sich auf ihn übertragen zu haben und angriffslustig funkelten mich seine Augen an.
“Schon gut?!”, wiederholte er provokant fragend. “Ist es schon gut, weil ich im Rollstuhl sitze? Ist es schon gut, weil Ihnen das peinlich ist? Haben Sie ein Problem damit?” Mein Gesicht wurde hochrot und ich begann zu schwitzen, konnte jedoch nichts antworten.

“Es ist nicht gut!”, stellte er nun klar. “Es ist nicht gut, wenn ich absichtlich jemanden über die Zehen rolle und sich der andere entschuldigt. Es ist nicht gut, dass ich in einer Warteschlange immer vorgelassen werde und es ist schon gar nicht gut, dass ich bemitleidet
werde.”
Stolz. Der Mann war unglaublich stolz und das war auf eine schöne Art anziehend. “Ich… ich wollte nur…” Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen konnte, denn jedes seiner Beispiele traf zu einhundert Prozent ins Schwarze. Bullseye.
“Sie wollten sich bei mir für meine Unachtsamkeit auf der Kreuzung beschweren, nicht wahr?” Das war die Ein-Million-Euro-Frage, Günther Jauch wäre stolz auf ihn.
“Ich… ja”, gab ich dann zu und schob meine Hände in die Taschen meiner Jeans. “Kann ich… kann ich Sie auf einen Kaffee einladen? Dann können wir das in Ruhe besprechen.”
Und nicht hier, mitten am Bürgersteig, wo wir gefühlt die Drama-Soap des Monats darstellten.

Der Blondhaarige schnaubte und beugte sich vor, um meinen Blick fest mit seinem zu verschmelzen.
“Nein.”
Uff, diese Antwort saß und in meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so einen Korb bekommen.
“Nur, wenn ich Sie einladen darf. Immerhin war der Fast-Unfall meine Schuld.”

Über
Julia Griesauer-Lechner, in der Literatur mit Alias auch J. C. Vale oder Julia Lechner, ist stolze Katzenmama von zwei frechen und verschmusten Katern, verheiratet mit dem geduldigsten Mann der Welt und bekannt für ihre übersprudelnde Energie. 1991 geboren, durfte sie ihre ersten Geschichten noch mit einer Schreibmaschine tippen, regelmäßiger Papierstau inklusive. Ihr Debütroman „Lorium Kristalla“ wurde im Jahr 2018 im CCU Verlag veröffentlicht, weitere Bücher folgten. Neben dem Schreiben zählt auch Gaming zu ihrer Leidenschaft, der sie mit einer wissenschaftlich prämierten Masterarbeit im Jahr 2022 huldigte.

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