Geisha-Inspiration und ästhetische Fotografie

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KUSO traf den Fotografen und Designer Jeff Roth in der Bräuhausgasse in Wien. Im Künstler-Kreuzverhör spricht er über seine Faszination für Porträt-Fotografie, wo er seine Inspiration hernimmt und was er #echtkuso findet.

Wer bist du und woher kommst du?

Ich heiße Jeff Roth. Ich komme eigentlich aus Luxemburg und habe hier in Wien mit meiner Fotokarriere begonnen.

Wie lange lebst du schon in Wien?

Ich bin seit fast zehn Jahren da. Also ich habe hier angefangen mit meinem Philosophiestudium. Dann habe ich versucht, mich kreativ auszudrücken. Da kam Fotografie in Frage und ich habe angefangen im Foto-Bereich zu arbeiten, im Druck. Und durch Social Media hat das alles seinen Lauf genommen. Es sind immer mehr Leute dazugekommen, die Lust auf mein Projekt hatten.

Und hast du dahinter eine spezielle Ausbildung gemacht?

Nein, ich bin Autodidakt. Ich habe keine Ausbildung im klassischen Sinne gemacht. Ich hatte bei mir zu Hause im Lycée Fotografie als ein Fach, wo wir ein bisschen über analoge Fotografie gelernt haben, ein bisschen über Photoshop, aber das war eher ein allgemeiner Überblick. Eine lange Zeit habe ich die Fotografie gar nicht verfolgt und jetzt seit den letzten Jahren wieder.

Arbeitest du nach wie vor in dem Bereich?

Ich habe einen Tagesjob in einer Druckerei, wo wir Fotos drucken, Passbilder machen. Vielleicht kommt da so ein bisschen meine Affinität für Porträts her, weil du am Tag hunderte Leute teilweise zu den Stoßzeiten hast. Du siehst, dass einfach jeder etwas Spezielles an sich hat. Ich habe auch im Fotolabor entwickelt und in Fotoshops Kameras verkauft, Kameraequipment, Bilder ausgedruckt, bisschen Fotos retuschiert, 1000 Passbilder am Tag. Es gibt so viele langweilige Jobs und dann hast du im Fotoladen immer irgendwie etwas Neues. Man hat so einen Einblick in die Geschichten der Leute.

Ich habe nicht mehr das Studium gefühlt und dann muss man eben wie jeder Mensch auch Geld verdienen. So habe ich mir gedacht, was machst du eigentlich am besten, wo du dann auch ein bisschen profitieren kannst mit deinem Hobby. So bin ich dann in der Druckerei gelandet.

Was bedeutet Fotografie für dich?

Das ist eine sehr breite Frage. Alles! Nichts! Angefangen hat es in der Corona-Zeit, ich glaube, es kommt aus einer Isolationshaltung heraus. Ich habe dann eine Zeit lang Street-Fotos gemacht. Das war die Zeit, als ich mir meine Kamera gekauft habe. Ich bin hier durch Wien gelaufen und habe Street-Fotos gemacht und ich fand das immer voll faszinierend. Street Portraits oder Street Fashion, wie du es halt nennen magst, die sowas machen, fand ich voll faszinierend, hatte aber nie so diese exhibitionistische Ader.

Einen Abend habe ich das durchgezogen, wo ich mir gesagt habe, du machst das jetzt, du gehst einfach Leute ansprechen. Das Feedback von den Leuten war echt gut.

Die Plattform WeTransfer hat eine Zeit lang Künstler gehostet. Da waren immer wieder in den Hintergründen die Bilder von Künstlern. Einer war dabei, der mich sehr gecatcht hat. Er heißt Ramin Mazur. Und der macht ein Fotoprojekt. Jedes Jahr ist so ein ruraler Karneval in Transnistrien. Und da gibt es ganz verrückte, dämonenartige Kostüme. In dem Moment habe ich gedacht, ich will auch sowas machen.

Hast du schon Aufträge gehabt? Was war das beste oder das schlechteste Erlebnis?

Ich sehe mich gar nicht als kommerziellen Fotografen. Ich mache das aus Spaß heraus. So bin ich auch hier in die Bräuhausgasse gekommen, weil es ein Open Space ist für kreative Leute. Die Fotos sind mehr Privatprojekte.

Meine Aufträge reichen von normalen Shootings für LinkedIn-Profile bis hin zu Akt-Shootings in der Donau, oder sogar, ich sag mal, queere Akt-Shootings in der Drag-Szene. Das ist eins meiner so Herzensprojekte. Das ist dann, wo ich meine eigene Weirdness rauslassen kann und umso schöner, wenn noch eine andere Person mitmacht und so das Konzept irgendwie fühlt.

Was ist dein Erfolgsgeheimnis?

Aber mein Erfolgsgeheimnis ist genau das, glaube ich, was ich vorhin gemeint habe. Dass man versucht, mit jemandem zusammenzuarbeiten und nicht versucht, jemandem was aufzuzwingen oder aufzusetzen.

Hast du Ziele oder Werte, die du mit deinen fotografischen Arbeiten vermittelst?

Boah, das ist auch eine Hammerfrage. Schauen wir mal, wie lange wir es aushalten dieses Künstler-Kreuzverhör. Ich selbst habe jetzt keine direkten Ziele mit meiner Fotografie. Eines meiner Ziele war, die Isolation zu überwinden. Und den Corona- Wahnsinn zu umgehen und mich künstlerisch neu zu finden. Ein politisches Ziel habe ich nicht oder will ich nicht mit meinen Fotos bewirken. Ich versuche da apolitisch zu sein. Mir geht es mit meinen fotografischen Arbeiten mehr um die Ästhetik.

Was ist für dich ein schönes Bild? Was ist kein gutes Bild für dich?

Vielleicht sind meine Arbeiten in der Konzeptkunst angesiedelt, man nehme an, so wie beim Charakterdesign zum Beispiel, wo du einfach mal aus der Fantasie heraus einen Charakter oder einen Sketch machst oder eine Landschaft, was auch immer, kannst du auch sowas machen, die dann wiederum aber die Fantasie von anderen Leuten anregt, vielleicht ein Gesamtprojekt mit dieser Ästhetik zu machen. Das vielleicht, das würde ich noch sagen, ist mein Zugang zur Fotografie und zu aussagestarken Bildern. Das sind für mich ästhetische Bilder, aber auch eigentlich nur, weil ich Konzeptkunst oder Konzeptfotografie mag.

Ich habe jetzt in diesen letzten zwei Jahren, wo ich das intensiv verfolge, ein bisschen mehr als über 100 Leute fotografiert oder verschiedenste Fotoprojekte gemacht. Ich finde es immer voll spannend, wie unterschiedlich auch da die Leute wiederum sind. Du hast Leute, die können halt Megaposen, die überhaupt kein Model-Background haben, aber die sind dann voll in ihrem Element. Und andere sind dann halt eher zurückhaltend und schüchtern und dann brauchst du ein bisschen eine Stunde, bis du ein gutes Bild hast.

Hast du wertvolle Tipps für andere Fotograf*innen?

Ja, sich ein bisschen mit Kunstgeschichte auseinanderzusetzen. Wenn man spezifisch Fotos machen will, finde ich so ein bisschen den Kunstgeschichte-Ansatz wichtig. Oder sich einfach ein paar Künstler anschauen, die einem gefallen, beziehungsweise auch die, die einem dann gar nicht gefallen, auch um zu wissen, was man nicht machen will.

Welche Künstler*innen inspirieren dich?

Eine Ausstellung war besonders nice von Nobuyoshi Araki in der Albertina Modern vor circa einem Jahr. Das war seit langem eine Ausstellung, wo ich die Schwere der Bilder gefühlt habe. Ich meine, ein Teil seiner Ausstellung war diese Geisha-Inspiration mit Bondage und diese japanische Knotentechnik zum Aufhängen. Der andere Teil war eine Fotoserie. Da ging es um die Beziehung zu seiner Frau. Sie ist an Krebs erkrankt und du hast einfach Bild für Bild gespürt, wie sie näher zum Tod gerückt ist. Bei den letzten Bildern stand ich da mit Tränen in den Augen und wusste nicht, wie mir passiert. Es war so heavy und traurig, ich musste fast weinen in der Ausstellung. Das war auch so eine Inspiration und hat mir gezeigt, wie stark man sich mit Fotos ausdrücken kann.

Das stimmt, ja, wenn Bilder so viele Emotionen auslösen, dann muss es natürlich ein ganz besonderer Moment für dich gewesen sein.

Ich bin eigentlich nicht der, der dann emotional in einem Museum dasteht, aber das hat mich einfach so gecatcht in dem Moment, wo ich so perplex war, und nur so mit offenem Mund dastand – holy shit, das ist kuso!

Über

Jeff Roth, 28, kommt aus Luxemburg und ist Fotograf und Designer. Er lebt und arbeitet in Wien.

Weitere Infos findest du hier:

https://www.instagram.com/jr.worldbuilder/

Ein Interview von Gerhard Fibi

Foto Credits: Jeff Roth

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KUSO – KunstSozial

KUSO ist ein in Wien ansässiges Onlinemagazin, das Kunst und soziale Themen verbindet, um Barrieren abzubauen und den Dialog zu fördern. Das Projekt fokussiert sich auf Inklusion, lokale Kunstszene und plant die Veröffentlichung einer analogen Print-Ausgabe im Schallplatten-Format. Mehr Informationen findest du auf der Webseite von KUSO.

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