Spott wirkt stärker als Argumente – vor allem dort, wo Macht sich selbst zu ernst nimmt. Lisa-Marie Bähr ist Stand-Up-Comedian, Schauspielerin und Gründerin des Vereins Comedy Kollektiv. Im KUSO-Interview spricht sie über feministische Comedy, Wut und das Patriarchat.
Warum ist Feminismus lustiger als das Patriarchat?
Feminismus ist lustiger als das Patriarchat, weil Feminismus für die Gleichstellung aller Menschen ist. Und niemanden unterdrückt, ausbeutet oder ermordet.
Ist das Patriarchat humorlos oder einfach unfreiwillig komisch?
Ich würde sagen, es ist humorlos, aber mit unfreiwillig komischen Elementen oder Aspekten – so etwa Mansplaining, Machogehabe oder Performativ Mails, die sich profilieren wollen. Zum Lachen ist es allerdings nicht – da sage ich nur Femizide.
Wer lacht in dieser Gesellschaft und wer wird ausgelacht?
Ich würde sagen, reiche alte weiße Männer, die sich die Macht und die monetären Mittel dieser Welt untereinander aufteilen. Zum Beispiel Trump, Putin, Netanjahu. Die kommen mir immer ein bisschen vor wie Kleinkinder. Ausgelacht werden die Schwächeren, sprich alle eigentlich, die nicht mit diesen Normen konform sind oder diesen entsprechen.
Transrechte werden wieder eingeschränkt. Abtreibungsrechte werden schwieriger gemacht. Von der Meinungsfreiheit in den USA ganz zu schweigen. Die geben schon vor, wer zu lachen hat.
Lisa-Marie Bähr
Warum macht Spott nervöser als Argumente?
Spott wirkt einfach besser als jegliche rationale Erklärung oder Argumentation. Spott bzw. Humor verbindet die Menschen miteinander.
Ist ein guter Witz gefährlicher als eine feministische These?
Ich finde, Witze sind gesellschaftlich leichter zu akzeptieren als sehr kompliziert, akademische Thesen, mit denen die Gesellschaft nichts anfangen kann. Man kann die feministischen Thesen humorvoller verpacken. Das versuche ich in meinen Themen, indem ich sie humorvoll aufgreife, um einfach leichter bekömmlich und für alle zugänglich zu machen.
Zum Beispiel habe ich ein Comedy-Set über Schneewittchen. Da geht es darum, wie crazy dieses Märchen ist, wenn man mehr darüber nachdenkt, aber generell alle Märchen.
Müssen Frauen lustig sein, um nicht als wütend zu gelten?
Absolut. Wütende Frauen sind Furien, hysterisch, haben Unrecht. Schon in der Erziehung als Mädchen bekommt man gesagt, sei nicht wütend, hab deine Emotionen im Griff, sei nicht laut. Laut sein, wütend sein, ist nur den Männern zugeschrieben, ist ein männliches Attribut, wenn du wütend bist als Frau, wirst du zensiert, wirst nicht ernst genommen, was gefährlich ist. Und wenn man lustig ist, schwächt es das Ganze ab. Das ist gesellschaftlich anerkannt. Ich sehe es auch oft als Chance, wenn ich wütend bin, daraus Comedy zu machen. Weil ich dann Gehör auf der Bühne finde.
Ist Comedy ehrlicher als der akademische Betrieb, weil Scheitern öffentlich ist?
Ja, ich denke schon, weil man bei der Comedy wirklich live beim Scheitern zusehen kann. Also wenn man Sachen ausprobiert auf der Bühne, die man sich vorher überlegt hat, die dann nicht funktionieren, sehr viele Menschen werden davon zeuge.
Darf feministische Comedy unfair sein?
Jein. Also im Sinne des Up Punching-Prinzips darf sie unfair sein. Da darf man ruhig mal über die Stränge schlagen. Aber sie darf auf keinen Fall nach unten treten und Minderheiten oder FLINTA* diskriminieren.
Was ist lächerlicher, Mansplaining oder der Versuch, es nicht so zu nennen?
Ich würde sagen, es ist lächerlicher, den Versuch es nicht so zu nennen, wobei eigentlich beides gleichermaßen lächerlich ist. Ich bin froh, dass es mittlerweile einen Begriff dafür gibt, denn ich hatte schon als Kind oft das Gefühl, dass mir irgendwelche Männer die Welt erklären wollten, über Sachen, die ich eigentlich schon wusste.
Ich konnte es aber nie einordnen und man wird so sozialisiert. Ich finde, wenn man Mansplaining macht, sollte man tatsächlich auch die Eier dazu haben, dazu zu stehen. Weil wie soll man es sonst nennen? Ich persönlich mache alle Menschen oder Männer in meinem Umfeld darauf aufmerksam, wenn sie mansplainen, um einfach zu sensibilisieren.
Lisa-Marie Bähr
Würdest du sagen, ist das Patriarchat vor allem ein Sprachproblem?
Absolut nicht. Das Patriarchat dient dazu, Männern eine Welt zu schaffen, die für sie ideal ist, egal auf welche Kosten. Wir alle unterliegen patriarchalen Strukturen und Normen, ob wir es wollen oder nicht. Wir sind so sozialisiert, wir sind so erzogen. Wenn es nur ein Sprachproblem wäre, dann wären wir glaube ich nicht an dem Punkt, wo wir jetzt sind.
Wann wird ein feministischer Witz gefährlich?
Jetzt aus dem Blickwinkel von mir betrachtet, dann finde ich, dass Feminismus niemandem weh tut. Feminismus ist keine Terrororganisation, die Schaden anrichtet. Deswegen finde ich, kann es nicht gefährlich sein. Im Umkehrschluss kann ein feministischer Witz für die erzählende Person gefährlich sein. Wenn Menschen sich davon extrem getriggert und angegriffen fühlen. Und du kannst das auch online zu spüren bekommen oder im schlimmsten Fall auch Gewalt vor Ort. Der Witz ist gefährlich für den, der den Witz erzählt, den feministischen Witz oder für die Frau. Der Witz an sich ist nicht gefährlich.
Muss man bereit sein, unsympathisch zu sein, um als feministisch zu gelten?
Ja, ich denke schon, dass man dazu bereit sein muss. Manchmal reicht es ja auch schon, zu sagen, ich bin Feministin, um bei manchen Leuten automatisch als unsympathisch zu gelten. Ich bin lieber unsympathisch und vielleicht unbequem als Nicht-Feministin. Es wird auch heute noch Frauen zugeschrieben, sei niemals unsympathisch, unbequem, unangenehm. Von dem sollten wir uns generell befreien. Ich glaube, dann wird es für uns einfacher und generell für alle Menschen einfacher. Wir sollten öfter die Gefahr laufen, nicht sympathisch rüberzukommen. Und wenn es schon reicht, feministisch zu sein, um unsympathisch zu sein, dann lohnt es sich gleich doppelt.
In der Serie „Books and Bunnies“ auf instagram rezensieren du und Eva A. Kol Bücher. Was habt ihr da in nächster Zeit geplant?
„Books and Bunnies“ ist ein Reel-Format, bei dem wir uns skurrile Bücher aussuchen und uns über diese lustig machen. Also sozusagen ein Buch-Rost, weil ich natürlich sehr skurrile Bücher ausgesucht habe. Zum Beispiel das Buch „Die hässlichste Frau der Welt“, in dem es um eine Frau geht, die sehr stark behaart war und in „Freakshows“ im 19. Jahrhundert in den USA und in Europa zur Schau gestellt wurde. Den Titel finde ich allerdings sehr misogyn. Wir haben auch schon überlegt, ob wir die Serie in einer Buchhandlung vortragen und haben auch schon eine Buchhandlung angefragt, die sehr offen dafür wäre.
Wie bist du auf die Bühne gekommen? Was hat dich dazu bewogen?
Ich habe in meinem Heimatort angefangen, im Saarland in Deutschland. Das hat mir damals schon sehr viel Spaß gemacht. Dann habe ich mir auch in Wien eine Bühne gesucht. Jetzt spiele ich bei der Bühne 16 und führe dort auch Regie bei Stücken. Ich habe dort das Improtheater für mich entdeckt. Das hat mich ein bisschen befreit. Die Shows, die ich da gespielt habe, waren wahnsinnig cool.
Ich hatte auch einen Podcast mit meiner besten Freundin, der hieß „Alles Scheiße, deine Lisas“, weil sie heißt auch Lisa Marie. Der Podcast kam auch immer gut an, als Comedy-Podcast. Wir haben auch mein erstes Comedy-Set halb gemeinsam geschrieben. Meine beste Freundin wollte dann aber doch nicht auf die Bühne. Dann habe ich das Comedy-Set nur auf mich angepasst. 2023 bin ich zum ersten Mal als Comedian auf die Bühne gegangen.
Was machst du noch alles neben deiner Tätigkeit als Stand-Up Comedian?
Ich habe einen Comedy-Verein gemeinsam mit Sebastian Humi gegründet, er heißt Comedy Kollektiv. Das ist viel Arbeit und Aufwand diesen Verein zu betreiben. Wir sind mittlerweile einer der größten Veranstalter in Österreich und Süddeutschland. Wir spielen in Innsbruck, Linz, Graz, München, Passau. Im Frühjahr sind wir in Karlsruhe und Köln.
Was sind deine Pläne in diesem Jahr?
Am 17. März habe ich meine FLINTA*-Show wieder im „Comedy-Wohnzimmer“ im Loft. Am 18. April starte ich eine neue FLINTA* Comedy Reihe im 25 Hour Hotels. Dazwischen habe ich kleinere Auftritte.
In der Bühne 16 werde ich ab Anfang März ein Stück inszenieren mit einer Freundin, die das Stück adaptiert hat, es heißt Meine kleine Horrorpflanze. Ich freue mich drauf, auch wieder hinter der Bühne mehr zu machen.
Was findest du #echtkuso?
Scheiße finde ich auf jeden Fall das Patriarchat, Sexismus, Klimaleugner, Krieg, Unterdrückung, Femizide, Armut, hohe Inflation, Ungerechtigkeit, Periodenkrämpfe. Und Schnee Ende Februar, weil irgendwann reicht es dann auch mal.
Über
Lisa-Marie Bähr ist Stand-Up-Comedian, Schauspielerin und Gründerin des Vereins „Comedy Kollektiv“.
Foto Titelbild (c) Johannes Premauer
*FLINTA ist ein Begriff, der für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen steht.



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