Vom Rauschen und Zuhören

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Warum wir die „Stimmen der Wildnis“ heute dringender brauchen als je zuvor – Jakob Brossmann, künstlerischer Leiter und Kurator des Festivals “Stimmen der Widlnis” im KUSO-Interview.

Das Festival „Stimmen der Wildnis“ ist weit mehr als eine reine Kulturveranstaltung – es ist eine Einladung zum Innehalten und Hinhören.

Unter der Kuration von Jakob Brossmann verwandelt sich das Festival in einen Resonanzraum für die drängenden Fragen unserer Zeit: Wie begegnen wir unserer Umwelt? Und welche Geschichten erzählt die Wildnis, wenn wir ihr den Raum dazu geben?

Was ist Wildnis für dich? Könntest du uns in drei kurzen Stichworten antworten oder was bedeutet Wildnis für dich?

Wildnis ist etwas, was wir verloren haben. Wildnis ist etwas, was wir auch wiedergewinnen müssen. Und Wildnis ist auch etwas, was uns anzieht.

Jakob Brossmann

Was war der ausschlaggebende Punkt für das Festival?

Wir haben nach einer Perspektive gesucht, wie man viele Menschen einladen kann, sich mit der Natur und dem Zustand der Natur zu beschäftigen. Und zwar auf eine Art, die Freude macht. Die Freude macht, und uns aber auch gleichzeitig zeigt, wie wichtig es ist, aktiv zu werden.

Welches sind die Klangwelten der Natur? Kannst du uns dazu ein paar Beispiele geben?

Die Klangwelten der Natur fangen vor unserer Haustür an, weil Zivilisation und Natur miteinander eng verwoben sind. Auch in der Stadt gibt es Natur: die Vögel, die Wildtiere, die mit uns in den Städten leben. Um die Städte herum kann man viel mehr Natur wahrnehmen als in Städten, auch wenn sie stark vom Menschen geprägt sind. Es gibt aber auch Orte auf der Welt, wo wir noch eine ganz große Artenvielfalt und Biodiversität wahrnehmen können, sogenannte Biodiversitäts-Hotspots. Dort sind diese Klänge noch weitestgehend intakt, auch wenn sie sich dort auch schon durch den Klimawandel verändert haben. Aber diese Klangwelten sind auch – und das haben wir am Festival „Stimmen der Wildnis“ jetzt auch erlebt – wie eine Symphonie, wie eine vielstimmige Komposition, die über Millionen Jahre gewachsen ist. Das ist inspirierend. Das kann uns für unser persönliches Leben, für unsere Gefühle ganz viel geben. Es kann uns aber auch im Zusammenleben Impulse geben. Das kann uns aber vor allem anregen, wieder zuhören zu lernen.

Wie verändern sich die Klanglandschaften der Natur durch den Klimawandel?

Wir haben gestern David Monacchi gehört, der wirklich in den entlegensten Regenwäldern der Erde, an Orten, wo zuvor noch kein oder kaum ein Mensch war, Aufnahmen gemacht hat. Er kann in diesen Aufnahmen hören, wie sich diese Millionen Jahre alten Symphonien der Natur verändern. Durch Trockenheiten zum Beispiel, dadurch, dass die Ökosysteme durch den Klimawandel einem extremen Stress ausgesetzt sind. Es ist nicht nur eine Frage von Schönheit, die gestört wird, sondern es ist auch eine Frage des Überlebens für viele Spezies. Die akustische Integrität, wie David Monacchi das nennt, diese Kommunikation zwischen den Arten, innerhalb der Arten, zwischen den einzelnen Individuen – zum Beispiel zwischen zwei Vögeln der gleichen Art – die brauchen den akustischen Raum auch, um ihr soziales Leben zu organisieren, um ihre Fortpflanzung zu organisieren, um ihre Territorien zu markieren. Und wenn da immer mehr – und zwar nicht nur an Land, sondern auch unter Wasser – wenn da immer mehr Lärm eingreift, dann setzt das die ganzen Ökosysteme unter einen enormen Stress. Das ist einer der Gründe, warum wir in den Populationen so viele Individuen verlieren.

Hier in unserem unmittelbaren Umfeld ist ein ganz wesentlicher Faktor die Versiegelung. Wir betonieren riesige Flächen zu. Dazu kommt die intensive Landwirtschaft – also wir homogenisieren riesige Landstriche, die früher mal kleinstrukturiert waren. Und das Nahrungsangebot nimmt ab, durch den Chemie-Einsatz gehen die Insekten zurück. Dadurch nimmt die Artenvielfalt extrem ab.

Jakob Brossmann

Wie können Politik und Menschen die Natur und ihre Klänge schützen?

Es gibt viele konkrete Maßnahmen, die wir morgen setzen könnten. Die Frage ist, warum tun so viele es nicht? Ich glaube, es fängt mit Aufmerksamkeit an, mit Zuhören, mit einem Bewusstsein dafür, wie kostbar das ist, was uns da umgibt. Das ist für das Überleben der Menschheit essentiell. Das ist aber auch für das Überleben der Zivilisation essentiell – ein intaktes Ökosystem. Aber das ist auch in sich, ohne dass es etwas für den Menschen tut, essentiell. Ich glaube fest daran, dass wir erkennen sollten, dass die Natur, die Ökosysteme ein Recht auf sich selbst haben. Das wir der Natur nicht absprechen können. Deswegen gründen wir das Parlament der Wildnis, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir die Rechte der Natur anerkennen müssen.

Was ist das Parlament der Wildnis? Und warum brauchen wir deiner Meinung nach neue Formen der Demokratie, die über den Menschen hinausgehen?

Das Parlament der Wildnis ist ein Experiment. Wir wollen zeigen, wie es funktionieren könnte, dass wir einerseits die Rechte der Natur anerkennen – das heißt dann in der juristischen Sprache, die Natur oder die Ökosysteme als Rechtssubjekt anzuerkennen. Ich glaube, dass der essentielle Schritt ist, nicht nur diese Rechte anzuerkennen und möglich zu machen, dass man im Namen der Ökosysteme auch zum Beispiel Gerichtsverfahren durchführen kann, um diese Rechte durchzusetzen. Ich glaube, wir müssen noch weiter gehen und in jeder politischen Stufe innerhalb unseres demokratischen Systems die Interessen der Natur mitverhandeln.

Das Parlament der Wildnis ist ein Experiment, ein Modell auszuprobieren, wie das gelingen könnte.

Jakob Brossmann

Kritiker:innen könnten sagen, das sei nur ein Spiel. Wie stellt man sicher, dass die Ergebnisse des Parlaments auch in der realen Politik Gehör finden?

Es ist ein Experiment. Es geht darum, ein Zeichen zu setzen, weil natürlich aus einer westlichen Perspektive viele Menschen sagen: „Na ja, die Natur kann ja nicht selber sprechen, sie kann nicht in einer Sprache sprechen, die wir verstehen“. Wir haben uns nach langen Dialogen mit Jurist:innen, mit Aktivist:innen, mit Forscher:innen entschieden, ein Modell zu bauen, wo wir Menschen in einem demokratischen Raum versuchen, uns gemeinsam der Stimme der Natur anzunähern. Und das ist in die Demokratie schon eingeschrieben, dass das ein offener Prozess ist. Du sagst „ein Spiel“. Man könnte auch sagen, Demokratie ist ein Spiel.

Die Demokratie ist ein sehr ernstes Spiel, in dem es um viel geht, aber ein Spiel, eine Spielanordnung. In einem kleinen Raum versuchen wir, etwas Großes abzubilden

Jakob Brossmann

Ein Parlament ist ein kleiner Raum, das sind ein paar hundert Leute, die dort diskutieren und versuchen in dieser Diskussion herauszufinden: Was ist der Wille der wahlberechtigten Bevölkerung? Eigentlich sollte die Frage lauten: Was ist der Wille der Menschen, die hier leben? Aber leider sind nicht alle Menschen wahlberechtigt… wie dem auch sei: es ist eine Anordnung von Regeln, es ist eine Setzung eigentlich, eine Spielanordnung.

Die Frage, die ich mir stelle ist: Wer spricht in unserer Demokratie nicht? Das sind Menschen, die bei uns nicht wahlberechtigt sind. Das sind Menschen, die noch gar nicht geboren sind. Und es ist vor allem die Natur, die da nicht gehört wird in diesen Prozessen.

Aber das Festival macht’s hörbar.

Wir versuchen ein Zeichen zu setzen und wir werden die Ergebnisse vom Parlament der Wildnis in einem kleinen Buch sammeln und das den Entscheidungsträger:innen übergeben. Mein Traum ist, dass wir viele Nachahmer:innen finden, dass es vielleicht in ein paar Jahren viele kleine, am Anfang symbolische Parlamente der Wildnis gibt. Und vielleicht schaffen wir es dann, diese Parlamente in unsere Demokratie einzubeziehen. Und das ist auch jetzt schon Realität, dass zum Beispiel Minderheiten besondere Vertretungen und besondere Möglichkeiten haben in der Demokratie mitzusprechen, die über ihre Stimme hinausgehen. Zum Beispiel Kinder, aber auch andere Minderheiten, sexuelle Minderheiten, ethnische Minderheiten, Sprachminderheiten.

Mogli Performance beim Festival „Stimmen der Wildnis“

Wer sind die Teilnehmenden im Parlament?

Das sind gewählte Vertreter:innen der jungen Generation. In unserem Fall haben wir Menschen gesucht, die tatsächlich gewählt sind und das sind hier in unserem Fall Schulsprecher:innen. Die dürfen abstimmen. Sie dürfen aber nicht selbst die Anträge einbringen. Das ist auch Teil der Idee, dass man das noch einmal auf eine andere Art und Weise legitimiert. Die Anträge kommen von Expert:innen, von Wissenschaftler:innen, aber vor allem aus der Zivilgesellschaft.

Das Festival kooperiert eng mit Wissenschaftler:innen, Biolog:innen zum Beispiel. Wo endet die trockene Faktenvermittlung und wo beginnt die emotionale Kraft der Kunst? Welche Rolle spielt die Kunst generell in der Vermittlung von Forschung und Wissenschaft?

Es ist sehr wichtig zu sehen, dass es in unserem menschlichen Repertoire ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten der Sensibilität gibt. Eine Sensibilität ist die Neugier, die wissenschaftliche Neugier und die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Aber es gibt eben auch andere Sensibilitäten. Eine davon, eine sehr wichtige meiner Meinung nach, ist die Kunst. Sie hilft uns dabei, wieder wahrzunehmen.

Um zu funktionieren in dieser Welt, müssen wir uns manchmal auch taub machen. Wir müssen bewusst weghören, wir müssen über unsere eigenen Bedürfnisse manchmal hinwegsehen, wir müssen unsere Gefühle unterdrücken. Das gehört dazu, das ist Teil des menschlichen Lebens, auch immer schon gewesen. Die Kunst hat die Kraft, diese Verkrustungen wieder aufzuweichen und uns wieder sensibel zu machen.

Jakob Brossmann

Welche Rolle hat Kunst in der Vermittlung von Forschung und Wissenschaft?

Vor allem, indem sie uns über dieses Sensibel-Machen und diese emotionale Berührung zu einer Neugier hinführt, uns auch mit unangenehmen Fakten und Widersprüchen auseinanderzusetzen. Es gibt aber in der Kunst weitere Dimensionen. Eine Dimension ist, sich Welten vorzustellen, die noch nicht existieren. Das ist nicht die einzige Rolle der Kunst, aber es ist eine zentrale Funktion von Kunst, sich neue Arten des Zusammenlebens auszudenken. Und sie fast modellhaft vorzuleben. Zum Beispiel in einem Parlament.

Was war die größte Hürde dabei, ein so abstraktes Thema wie Rechte der Natur in ein greifbares Festivalprogramm zu übersetzen?

Ich glaube, ein neues Festival zu gründen ist immer eine Herausforderung. GLOBART hat das Glück, mit dem Museum Niederösterreich einen ganz starken Partner zu haben. Ich hoffe, dass das Festival wächst und gedeiht. Natürlich sind das auch abstrakte Themen. Aber dadurch, dass wir sie eben in den Kontext von Klängen und Naturerleben einbetten, wird’s konkret und begreifbar. Ich hoffe, dass wir ein Publikum gefunden haben, das in den nächsten Jahren auch weiter wachsen wird. Und ich weiß jetzt schon, auch durch euch und durch die mediale Reaktion, dass es ein Echo gibt in der Gesellschaft.

Und die Natur hat schon ein bisschen eine Stimme zurück .

Genau, die Stimmen der Wildnis, das sind auch wir.

Du arbeitest unter anderem als Dokumentarfilmer und Bühnenbildner. Wie hilft dir dein Blick als Filmemacher bei der Gestaltung des Festivals?

Der Dokumentarfilm hat als Kunstform ganz eigene Regeln. Und eine der wichtigsten ist neben der Frage der Perspektive – welche Perspektive findet man, welchen Zugang findet man zu einem abstrakten Thema konkret –auch eine Frage des Rhythmus. Und das ist für mich in der Konzeption von so einem Festival auch ganz wichtig: Welchen Rhythmus hat so ein Festival? Wo fängt es an, wo führt es hin, die Dramaturgie. Das ist natürlich eine Gemeinsamkeit, die es mit dem Dokumentarfilm hat.

Wo siehst du das Festival in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass in fünf Jahren die Menschen sich schon vor dem Festival drauf freuen, dass das Festival jetzt wieder kommt. Und dass vielleicht so was wie eine Community darum herum wächst, die immer größer wird und größer wird und Menschen neugierig macht und ihnen Mut gibt. Denn so ein Festival ist nicht nur ein Ort, umWissen zu transportieren und Neugier zu wecken, sondern auch ein Ort, wo Menschen, die sich bereits engagieren, Kraft sammeln für das Engagement, das sie in der Gesellschaft leben.

Was findest du #echtkuso?

Dass wir als Gesellschaft trotz besseren Wissens die Augen verschließen vor den wirklich dringlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und das ist ganz klar der Klimawandel, bzw. die sich breitmachende Klimakatastrophe und – darüber sprechen wir noch viel weniger – der Verlust an Leben. Die Biodiversitätskrise ist ganz konkret ein Verlust an Leben. An vielen, vielen einzelnen Lebewesen. Wir sind als Gesellschaft in einem aktiven Verdrängungsprozess.

Jakob Brossmann
Mogli Performance beim Festival „Stimmen der Wildnis“

Über

Jakob Brossmann, geb. 1986, ist Dokumentarfilmer, Bühnenbildner und Kurator des Festivals „Stimmen der Wildnis“. Er ist Vorstandsmitglied bei GLOBART und für künstlerische Sonderprojekte zuständig.

Jakob Brossmann (c) GLOBART

Das Festival „Stimmen der Wildnis“ fand dieses Jahr von 24.-26. April 2026 in St. Pölten unter Zusammenarbeit zwischen GLOBART und dem Museum Niederösterreich statt.

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KUSO – KunstSozial

KUSO ist ein in Wien ansässiges Onlinemagazin, das Kunst und soziale Themen verbindet, um Barrieren abzubauen und den Dialog zu fördern. Das Projekt fokussiert sich auf Inklusion, lokale Kunstszene und plant die Veröffentlichung einer analogen Print-Ausgabe im Schallplatten-Format. Mehr Informationen findest du auf der Webseite von KUSO.

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